Sparübung bei der Kultur

Zur Zeit ist Winterthur eine Diskussion über die Kürzung der Kulturförderung im Gange. Dieses ist grundsätzlich auch gut so. Trotzdem darf die Diskussion nicht nur beim Geld stehen bleiben.

Kultur ist ein nachhaltiges Grundnahrungsmittel und ein wichtiger Wirtschaftszweig. Wirtschaft und Kultur hat viele Gemeinsamkeiten. Trotzdem ist Kultur mehr als ein «Shaerholder Value». Dabei wird die Kultur- und Unterhaltungsbranche wirtschaftlich sehr unterschätzt. Sie bietet mehr Arbeitsplätze an und macht mehr Umsatz als die nationale Uhrenindustrie! Kultur bringt Menschen in die Stadt und generiert eine beträchtliche Wertschöpfung, Geld also, das wieder zurück in die Stadtkasse fliesst.

Winterthur hat ein grosses Angebot an kulturellen Veranstaltungen und darf sich zur Recht auch Kulturstadt nennen. Viele beneiden diese vielfältige und lebendige Kultur-Landschaft. Kultur ist Lebensqualität, dem man Sorge tragen muss. Hinter der Kultur stehen viele Menschen und Organisationen, die mit viel ehrenamtlicher Arbeit “selbstausbeutend“ arbeiten.

Was ist Kultur, was sollte gefördert werden? Es ist doch wie bei der Landwirtschaft: der einte liebt Gemüse, der andere Milchprodukte und wieder andere mögen viel Fleisch. Trotzdem werden die Landwirtschaftlichen Subventionen nicht nach den persönlichen Vorlieben vergeben.

Die Gesellschaft wird immer heterogener, das Kulturangebot ebenso. Die Vielfalt ist der Grundstein der Kultur. Leuchttürme ragen zwar heraus, werden aber von einer grossen Masse getragen. Ohne mutige Innovationen, werden die Säle der Kultur bald leer bleiben und die Leuchttürme verfallen.

Die heutige Kultur braucht einen höheren Stellenwert und Akzeptanz. Und gerade hier ist die Städtische Kulturförderung wichtig. Falls nun gedankenlos mit dem Rotstift die Budgets der Kultursubventionen und der Projektbeiträge gestrichen werden steht diese Vielfältigkeit auf dem Spiel. Der Aufschwung beginnt im Kopf – und in der Kultur!

David Baumgartner
31.5.13

Die neue Sparkultur

Ende Jahr hat eine Mehrheit im Gemeinderat die Ausgaben im Budget 2013 mit dem Rasenmäher pauschal um 5,5 Millionen reduziert. Dabei sind konkrete Angaben, wo dass diese Summe gespart werden sollte ausgeblieben. Dies zeugt nicht für Verantwortung gegenüber der Stadt, aber auch nicht gegenüber der Bevölkerung und notabene dem Stimmbürger. Der Schwarze Peter bleibt dem Stadtrat überlassen. Dieser hat nun bereits ein paar Projekte zurück gestellt.

Leidtragend an den Sparübungen werden wohl schlussendlich auch die Kleinen in der Kultur. Bereits in den letzten Jahren hat sich hier der Verteilschlüssel vorwiegend zu den etablierten Institutionen, zurück zur «toten» Kultur von gestern und vorgestern verschoben. Wer laut jammert kommt auf Kosten der anderen eher zum Ziel. Gerade bei der projektorientierten Kulturförderung ist dies gut zu beobachten. In den letzter Zeit wurden diverse, eher symbolische Unterstützungsbeiträge gestrichen oder es wurden Anfragen mit faden Ausreden abgelehnt. Der Topf für die Projektbeiträge wird Jahr für Jahr magerer. Mit der aktuellen Budgetstreichung ist wohl gerade dieser Topf am stärksten Betroffen. Die frische und aktuelle Kultur darf sich mit den Brotsamen begnügen. Damit steht die Vielfältigkeit und Zukunft der Kulturstadt auf dem Spiel.
Diese Tendenzen zeigen, dass die letztjährige Gründung der Kulturlobby höchst notwendig war. Das Ziel der Kulturlobby ist einerseits der gemeinsame Informationsaustausch und das vermitteln von kulturpolitischen Anliegen gegenüber Politik und Wirtschaft. Ich erhoffe mir damit mehr Solidarität untereinander, mehr gemeinsame Aktionen, und weniger Einzelgänger. So steht z.B. bald die Kultursubventionsrunde an. Wenn nun jede Institution nur für sich schaut, wird es nur Verlierer geben – und die Krümel für die Projektbeiträge noch dürftiger.

 (David Baumgartner, Kolumne Winterthurer Stadtanzeiger, 22.1.13)

Der Nachhaltigkeitssumpf

Für mich ist das Wort «Nachhaltigkeit» schlichtweg das Unwort der heutigen Zeit. Die Verwendung des Begriffs, das eigentlich aus der Forstwirtschaft stammt, ist der Beliebigkeit verkommen. Vorwiegend Politiker, Unternehmen und PR-Agenturen bedienen sich seiner in allen unmöglichen Zusammenhängen. «Nachhaltigkeit» kann heutzutage alles heissen – oder eben auch nichts (mehr). Es fehlt mir bei den Meisten schlichtweg die Glaubwürdigkeit und die ernsthafte Konsequenz. Denn schlussendlich will doch niemand wirklich die Mobilität, die Lebensqualität oder den finanziellen Gewinn reduzieren.

Ist es wirklich Nachhaltig, wenn wir mit Kompensations-Zahlungen unser Gewissen wieder ins reine bringen? Ist ein Lebensmittelladen wirklich glaubhaft, der sich selber als Vorreiter der Nachhaltig betitelt, aber weiterhin Erdbeeren im Winter verkauft oder Mineralwasser aus Island importiert? Unter dem Motto «Winterthur Nachhaltig» versuchen nun auch einige Winterthurer Organisationen und Unternehmen das Bewusstsein der Nachhaltigkeit in dieser Stadt zu fördern. Grundsätzlich ja eine gute Idee, aber wurde beachtet, dass auch Werbung für die Nachhaltigkeit unsere Ressourcen belasten. Dazu bietet neu die ZHAW einen Weiterbildungskurs für «Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb» an. Lernen hier die Kulturmanager, dass Erdbeeren bei uns erst im Frühsommer reif sind? Gibt es bald nur noch Kultursubventionen, wenn der Anlass ein Nachhaltigkeits-Label trägt? Darum bin ich jetzt auch auf das Modewort aufgestiegen: Ich produziere neuerdings nachhaltige Veranstaltungen für Herz und Hirn.

(David Baumgartner, Kolumne Winterthur Stadtanzeiger, Feb. 2012)