Veteranentreffen im Theater

Letzthin war ich wiedermal in einem grossen klassischen Theater und war dabei  doch etwas über das grosszählig, weiss häuptige Publikum erstaunt. Es war wie an einem Veteranentreffen. Rolatoren und Gehstöcke säumten den Eingang. Ich fühlte mich plötzlich unglaublich jugendlich. Dabei erinnerte ich mich wieder an einen Spruch eines mir befreundeten Liedermachers, der meinte er spiele wohl in Zukunft besser direkt im Altersheim statt im Theater.
Ist das Theater überaltert, stirbt ihm bald das Publikum weg? Dazu habe ich im Internet etwas herum gestöbert und festgestellt, dass es so schlimm nicht sein kann, denn schon vor 50 Jahren wurde das Theater aus diesen Gründen totgesagt. Eine Umfrage im 2008 hat ergeben, dass doch 42% der Bevölkerung mindestens einmal im Jahr ins Theater gehen. Eine andere Umfrage besagt allerdings, dass es rund 10% sind. Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen.
Das klassische Theater kann verstaubt sein. Es gibt aber immer wieder frische Strömungen, welche dann vorerst junges Publikum anziehen und das Theater so weiterentwickelt.
Solange es Menschen gibt, die selbst denken, wird es auch das Theater geben. Das Theater kann ein lebendiges kulturelles Zentrum für alle Generationen sein. Es öffnet neue Denk- und Emotionsräume und setzt einen starken Gegenpol zum erlebten Alltag und zur heutigen digitalen Konkurrenz. Ich bin froh, dass es Winterthur trotz Sparmassnahmen geschafft hat, die Theatermöglichkeiten für Kinder und Jugendliche aufrecht zu erhalten, ja gar mit dem «augenauf!-Festival» noch zu verstärken. Das Theater wird weiterleben! Wann gehen sie wiedermal ins Theater?

David Baumgartner
Kolumne Winterthur Stadtanzeiger, 1.6.16

Aufbruch statt Abbruch

Die dubiose Zweckgemeinschaft lässt nicht von ihrer Idee locker, das Theater abzureissen und durch einen Multi-Komplex ersetzen zu lassen. Es ist dabei erstaunlich, wie fest sich hier der Stadtpräsident einspannen lässt. Er redet von einem Image-Projekt und merkt nicht, dass dieses bereits zerstört wurde. Das Image der Kulturstadt aber auch das Image des laufenden Betriebes des Theater Winterthur. Dabei verkaufen die Initianten ihr destruktives Vorhaben unter dem Titel TheaterPlus. Das klingt verlockend. Trotz aller schönen Worte: in dem neuen Komplex entsteht kein Mehrwert für die Kultur, stattdessen werden bestehende Werte vernichtet.

Mir fehlen die transparenten und klaren Fakten welche Bedürfnis, Kosten und Nutzen für einen solchen Multi-Komplex bestätigen und es rechtfertigen, dafür ein funktionierendes Theater abzureissen. Winterthur hat es vor Jahren verpasst, sich als Kongressort zu positionieren. Darum kann ein solches Kongresszentrum heute nur noch die bestehenden Infrastrukturen konkurrenzieren, z.B. das Casinotheater. Multi-Komplexe funktionieren nur im Taschenrechner und nicht in der Realität. Mischnutzungen bringen für alle Mitnutzer nur Probleme. Davon können die Sportvereine genügend erzählen. Diese Mogelpackung ist keine Innovation in die Zukunft und ich hoffe der Stadtrat wird sich nicht weiter von den leeren Phrasen blenden und beendet das Projekt bevor es einen noch grösseren Scherbenhaufen angerichtet hat.

Statt dessen stehen weitere dringende Entscheide an. So warten die Kultur-Subventionsträger auf konkrete Infos von der Stadt, wie ihre auslaufenden Subventionen in einem Jahr aussehen. Diese Verzögerung verhindert eine langfristige Planung der Institutionen und blockiert die Entfaltung unserer Kulturstadt. Aber vielleicht ist das ja auch das Ziel des Stadtrates.

David Baumgartner
Kolumne Winterthurer Stadtanzeiger, 24.11.15

Wanderkino in Zukunft

Hochverehrte Wanderkino-Freundinnen und Freunde.

Wir durften im Verlauf dieses Jahres wieder wunderbare Abende mitgestalten. Nun ist der Herbst da und somit die Freiluftkinos bereits wieder Geschichte. Ab sofort kraxelt hier und dort unser neustes Werk, der Dracula-Klassiker «Nosferatu» mit neuer Vertonung aus dem Sarg. In der Grünau spielten wir das erste mal vor Publikum. Es war eine grosse Freude für alle Beteiligten. Wir freuen uns auf weitere Auftritte und hoffen auf interessierte Veranstalter die einen Hauch grusliger Nostalgie zu sich holen möchten.

Das Wanderkino wird sich in Zukunft vermehrt auf seine Ursprungsidee konzentrieren. Zusammen mit den Veranstaltern präsentieren wir Stummfilme mit Livemusik und Klassiker der Filmgeschichte mit dem Schwerpunkt «Schweizerfilm». Nachdem sich in den vergangenen Jahren die Kinolandschaft sehr verändert hat, sehen wir darin eine wunderbare Nische für das Wanderkino. Wir verlangsamen das Tempo und verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart. Wir freuen uns, zusammen mit dem Publikum über das Licht welches vom analogen Projektor gebündelt durch den Filmstreifen hindurch, als lebendige Geschichte auf der Leinwand tanzt.

Zum nächsten Tanz laden wir an einem Geburtstagsfest im November (Privatanlass). Und dann freuen wir uns auf das legendäre Winterkino im Schöntal.

Manuel Lindt
Mr. Wanderkino
www.wanderkino.ch

 

Gemeinsamer Saisonstart

Zu Beginn seiner ersten Amtszeit forderte der Stadtpräsident von der Kultur eine grössere Zusammenarbeit untereinander. Dabei übersah er, dass gerade die Theaterschaffenden diese seit Jahren, z.B. mit dem Runden Tisch und der gemeinsamen Kleinkunstrallye, mit Erfolg praktizierten.

Zum Saisonauftakt fand diesen Samstag die 8. KleinKunstRallye und am gleichen Abend zum ersten Mal die Kulturnacht statt. Beide Veranstaltungen versuchten Brücken zu schlagen, ein gemeinsames Zeichen zu setzen und die Kultur sichtbar zu machen. Dabei wurde auch die kulturelle Vielfalt unserer Stadt aufgezeigt und der Fokus für einmal weg von den Finanzen hin zu der gut funktionierenden Kooperation der Kulturinstitutionen gelenkt. Dazu gab es für das Publikum die Möglichkeit Neues in kompakter Form zu Entdecken, für die Veranstalter Synergien zu nutzen und auf ihre kommende Saison aufmerksam zu machen.

Die KleinKunstRallye zeigte die gesamte Bandbreite des Winterthurer Theaterschaffens: In 3 Touren wurde das interessierte Publikum, auf einer Entdeckungsreise von Bühne zu Bühne geführt. Die Kulturnacht Winterthur lockte mit einem ebenso vielfältigen Programm zu einem Streifzug durch 13 verschiedene Kulturorte. Das Fazit des Tages: Die Kultur lebt und der Herbst und die Indoor-Saison kann beginnen. Und vielleicht schaffen es die Organisatoren der beiden Anlässe es nächstes Jahr zusätzlich, KleinKunstRallye und Kulturnacht besser zusammen zu vernetzen. Dafür müssten dann aber auch die Spar-Politiker der Kultur eine grössere Wertschätzung zeigen.

David Baumgartner

(Kolumne Winterthurer Stadtanzeiger, 15.9.15)

Winterthur wohin?

Das Gejammer über die Finanzen hat die Stadt Winterthur in eine geistige Stagnation und Langweiligkeit geführt. Der Aufbruch und die Entwicklung der letzten 20 Jahre sind durch das Finanzloch ins Stocken geraten und das frisch aufpolierte Image der Stadt wurde stark angekratzt. Im Zeichen der Sparvorgaben dreht sich die aktuelle politische Auseinandersetzung kaum mehr um inhaltliche Zielsetzungen in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht, sondern vorwiegend um rein finanzielle Aspekte. Es fehlt die Werte-Diskussion und es fehlt an Zukunftsperspektiven. Eine lose Gruppe aus Architekten und Kulturschaffenden hat darum den Verein «Winterthur wohin?» gegründet. Der Verein setzt sich zum Ziel, dass grenzüberschreitend und lustvoll wieder über Inhalte, Entwicklungen und Bedürfnisse gesprochen wird und will damit versuchen die Sparpolitiker und Schwarzmaler von der Bühne zu verdrängen. Ein erster Anlass hat am 16. Juni 15 im gut gefüllten Casinotheater statt gefunden.

Winterthur braucht mehr mutige Visionäre statt ständige Jammerer. Sie braucht dazu auch einen verstärkten Dialog und einen Abbau von Vorurteilen zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur. Dabei darf sich die Kultur nicht nur als Bitsteller präsentieren sondern muss auch seinen aktiven Beitrag dazu leisten. Der Aufschwung beginnt mit der ganzen Bevölkerung. Lösen wir gemeinsam die Probleme lustvoll und mit mehr Herz und Humor. Oder wie es der Schauspieler Heinz Rühmann ausdrückte: «Lächeln ist das Kleingeld des Glücks.». Womit wir wieder beim Geld wären…

David Baumgartner
Kulturbauer

http://winterthurwohin.ch
(Kolumne Stadtanzeiger Winterthur vom 23.6.15)

Gebühren statt Steuern

Diverse Steuergeschenke haben ein grosses Loch in die Stadtkasse gerissen. Um dieses wieder zu stopfen hat sich das Stadtparlament in den letzten Jahren aber mit Händen und Füssen gegen eine Steuererhöhung gewehrt. Das ganze Ausbaden kann nun die Bevölkerung und vor allem die finanziell Schwachen. Sport und Kultur werden dabei doppelt getroffen: Subventionen und Unterstützungsbeiträge werden gekürzt und gleichzeitig Gebühren erhöht. Woche für Woche werden neue Gebührenerhöhung bekannt. Wenn diese später infolge «Kommunikations- oder Formfehler» wieder zurückgestellt werden, wird offensichtlich wie konzeptlos sich die Stadtbetriebe infolge der aufgezwungenen Sparmassnahmen abmühen. Auch ein Hohn ist die Aussage im neuen Kulturleitbild, dass die Stadt günstige Produktionsräume bietet und vermittelt, wenn man gleichzeitig die Bandräume massiv verteuert.

Bei einer Steuererhöhung hätte der allergrösste Teil der Steuerzahlenden nicht mehr als 50 Franken pro Jahr zusätzlich bezahlen müssen. Dieser Teil der Bevölkerung wäre mit einer Steuererhöhung günstiger gefahren als mit den nicht einkommensabhängigen Gebührenerhöhungen. Die Reichen sparen, die Armen zahlen… Nun, wir haben uns dieses Parlament selber gewählt! Und noch abschliessend zum Thema Worthülsen und Spar-Politik: wenn ich mir das schön gestaltete und aufwändig gedruckte Kulturleitbild anschaue – mit dem Geld hätte die Stadt ein paar schöne kulturelle Veranstaltungen unterstützen können…

David Baumgartner
(Kolumne Stadtanzeiger Winterthur, 12.4.15)

Kongress- statt Kulturstadt?

Im Jahre 2009 hat eine Studie über die City-Halle gezeigt, dass ein Kongressgebäude ohne Unterstützung der öffentlichen Hand nicht rentabel bewirtschaftet werden kann. Dazu mal habe ich es schade gefunden, gerade weil die City-Halle eine ideale Kombination zwischen Event- und Tagungshaus hätte bieten können. Unterdessen sind in der ganzen Schweiz (vorwiegend unrentable!) Kongresszentren entstanden. Auch in Winterthur habe ich bisher kaum eine grosse Nachfrage nach Kongressräumen gespürt. Nun kommt die Stadtregierung, im Rahmen der Sparhysterie auf die Idee, eines der grössten Theater der Schweiz abzureissen und dafür ein neues Kongresszentrum zu bauen. Für eine Stadt die sich selber Kulturstadt nennt, ist dies ein direkter Faustschlag an die Theaterszene. Unterdessen erstaunt es auch nicht mehr, dass das Theater im Entwurf des neuen Kulturleitbildes kaum Erwähnung findet.

Eine funktionierende Kombination zwischen den Bedürfnissen eines Kongresszentrums und eines internationalen Theaters, ist kaum möglich. Mehrere Versuche sind daran schon gescheitert. Und nur ein halbes Theater hat nicht die gleiche Leuchtturm-Ausstrahlung wie ein ganzes.

Was sich auf den ersten Blick als Sparmöglichkeit anbietet, endet schlussendlich im finanziellen Debakel. Es ist unglaublich, wie leichtfüssig die Stadt bereit ist Bestehendes zu opfern. Die Stadt sägt am Stamm der Kultur. Dabei wird immer wieder vergessen, dass Kultur eine grosse Wertschöpfung bringt. Die heutige Stadtregierung zeigt mit ihren Ideen dazu keine Wertschätzung.

David Baumgartner

Teure Kultur

Kolumne von Rhaban Straumann und Matthais Kunz (Strohmann-Kauz)

S Du, Kauz, wir sollten vielleicht einmal Danke sagen.
K Weil die Sparmassnahmen die Kultur erreicht haben?
S Genau.
K Strohmann, spinnst du?!
S Sei ehrlich, Kultur hat doch eine riesige Anspruchshaltung gegenüber der öffentlichen Hand. Wie niemand sonst.
K Kennst du Kurzarbeit?
S Natürlich, also nicht persönlich. Wieso?
K Kurzarbeit ist vom Bund finanziert. Ebenso wie die Starthilfen für KMUs, die geheimen Steuerdeals mit den Grossen oder die Schweizerische Exportrisikoversicherung.
S Ja, aber da geht’s um…
K Oder die staatliche Medienförderung mit den Mehrwertsteuervergünstigungen und der verbilligten Distribution.
S Fertig? Oder hast du noch weitere Subventionen auf Lager?
K Sportförderung.
S Das wäre dann alles?
K Mal abgesehen von den immensen externen Kosten des Strassenverkehrs, die von der Allgemeinheit getragen werden.
S Peanuts! Und da geht’s um Arbeitsplätze. Aber ich vermute, sonst lebt niemand derart von Subventionen wie die Kulturbranche.
K Nein.
S Gut.
K Wobei, wenn die Atomstromproduzenten den GAU versichern müssten, den sie anrichten können und auch für Zwischen- und Endlagerung soviel einbezahlt hätten wie es kosten wird, wäre der Atomstrompreis schon lange dort, wo er hingehörte.
S Alles eine Frage der Lobby. „Seh ich dich im Strahlenmeer…“
K Unter uns gesagt: Subventioniert ist ja auch die ganze Bundesverwaltung mit dem garantierten jährlichen Lohnanstieg.
S Ja auch das sollen Arbeitsplätze sein. Sonst aber lebt bestimmt niemand so von Subventionen wie die K…
K Vielleicht noch die Hotellerie, die seit 1995, also fast 20 Jahre von einem reduzierten Mehrwertsteuersatz profitiert. Der wurde dem Volk damals als kurzfristige Massnahme verkauft und kostet die Steuerzahler bisher fast 3 Milliarden Franken.
S Da geht’s halt um Arbeitsplätze!
K Staatliche Unterstützung haben die auch noch von der Tourismusförderung, der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit und Schweiz Tourismus.
S Wie gesagt: Arbeitsplätze.
K Oder die Landwirtschaft: 5 Milliarden pro Jahr! Davon gehen 1,5 Milliarden für Futtermittel direkt ins Ausland.
S Ebenfalls wichtige Arbeitsplätze.
K Anderes Beispiel: Die Schnapsbrenner mit der Schnapssteuerermässigung und den Fördermassnahmen für den Marktauftritt.
S Wir wollen Vollbeschäftigung.
K Für die Banker haben wir noch die Staatsgarantien, falls die wieder mal überborden sollten.
S Hab gehört, auch da würde gearbeitet.
K Sind nicht alle Bauaufträge der Öffentlichen Hand ein grosses Konjunkturpaket?
S Ja und vor allem Arbeitsplätze.
K Jetzt hör mal auf mit diesem Totschlagargument. Auch in der Kultur sind es Arbeitsplätze.
S Ach, hör doch auf! Ist doch alles freiwillig.
K 50’000 bis 200’000 Menschen arbeiten in der Kulturbranche, je nach Statistik.
S Echt? Das sind ja deutlich mehr als die 10’000 Beschäftigten in der Schweizer Rüstungsbrache.
K Richtig.
S Lustig, dass immer die mit den geschützten Arbeitsplätzen…
K Du meinst die in den unterstützten Arbeitsmärkten…
S Dass genau die den freien Markt in der Kultur fordern.
K Frei ist nur, wer das sagt, was die Leute nicht hören wollen.
S Aber man schmückt sich gerne mit Kultur.
K Und vergibt Preise.
S Ist wie Brot und Spiele.
K Selbst die wurden vom Staat finanziert.
S Was?
K Brot und Spiele.
S Dann zählen plötzlich nur noch die Einschlafquoten. Schöner, freier Markt.
K Schöne Illusion. – Du wolltest was sagen?
S Danke.

Die Kolumne ist im Dezember 2014 im Nebelspalter erschienen.
http://www.strohmann-kauz.ch

Kulturhaus Langenthal

von Matthias Kunz

Wer behauptet, Langenthal habe diverse Räume für Kleinkunst, liegt falsch. Und zwar richtig falsch. Denn Langenthal hat keine Kleinkunstbühne. Da können die Gegner der Stadttheatervorlage noch lange das Gegenteil behaupten. Das katholische Kirchgemeindehaus ist keine Kleinkunstbühne. Das Forum Geissberg ist schön renoviert, hat einen neuen Namen, ist aber weiterhin keine. Ebenso wenig das Zwinglihaus. Der Jugendtreff steht bekanntlich vor allemder Jugend zur Verfügung, das Dreilinden ist ein Eventtempel, und die geschlossene Mühle ist geschlossen.

An diesen und anderen Orten finden Anlässe statt, keine Frage, aber eine entsprechende Infrastruktur ist nirgends vorhanden. Es fehlt an einer Theaterbeleuchtung, an Vorhängen, Tontechnik oder einer Heizung. Als Beispiel sei hier nur das renovierte Forum Geissberg angefügt. Dort befindet sich die Steuerung für den Ton fest verbaut im Hinterbühnenraum. Der Tontechniker wird die Lautstärke im Saal nie hören.

Kleinkunst hat meist einen geringeren technischen Aufwand, aber nicht keinen, und sie lebt von der Atmosphäre des kleinen Saals und wird nicht für Mehrzweckhallen produziert.

Doch die Abstimmungsvorlage von der Kleinkunst abhängig zumachen, ist zu klein gedacht. Wer die Abstimmungsbotschaft liest, erfährt anderes: «Der neue Veranstaltungsraum wird als multifunktionaler Raumkonzipiert, der sowohl als Bühne als auch alsKurs-, Probe- und Arbeitsraumgenutztwerden kann.» Zudem hängt dieWirtschaftlichkeit des ganzen Hauses massgeblich vom zusätzlichen Raum ab. Genau dies wird ja immer wieder von der Kultur gefordert: Eigenwirtschaftlichkeit. Dies zu verschweigen, entspricht wahrscheinlich taktischen Motiven, auch die Behauptung, der Raum werde nur für zehn Veranstaltungen jährlich benützt.

Dass die Vorlage so schnell durchs Parlament kam, legt die Vermutung nahe, dass hier versucht wird, die Stadttheatersanierung gegen das Defizit der Budgetvorlage auszuspielen.

Die Konsequenzen einer allfälligen Ablehnungmuten schon fast satirisch an. «Gemäss den Angaben der kantonalen Gebäudeversicherung müsste bei allen Vorstellungen mit mehr als 200 Besuchenden (ca. 55 pro Saison) ein spezielles Sicherheitsdispositiv erstellt werden, bestehend aus der Anwesenheit von neun Feuerwehrleuten und von ausgelegten Schläuchen im Stadttheater» (O-Ton Abstimmungsbotschaft). Ein wahrlich beruhigender Anblick. Und nicht ganz gratis.

Verglichenmit ähnlichen Kulturhäusern in der Schweiz, ist diese Sanierung kein Luxus, sondern dringend nötig und vernünftig. Klar, viele Langenthaler gehen nie ins Theater. Aber viele gehen nie auf die Schlöf, in die Badi, in eine Turnhalle, ins Spital oder benützen nie eine Autobahn oder einen öffentlichen Bus. Doch ein Haus, das 20000 Besucher pro Jahr  anzieht, ist als kultureller und wirtschaftlicher Standortfaktor wichtig. Denken sie nur an die generierten Hotelübernachtungen, Inserate und Nachtessen. Dieses Kulturhaus gehört zu unserer Grundversorgung!

 

Matthias Kunz, aufgewachsen in Roggwil, lebt in Bern.

Fliegende Kuh & Börsenglück

Von Rhaban Straumann (www.rhabanstraumann.ch)

Manchmal ist Zeit, sich zu Glück, Pech und Zufall Gedanken zu machen. Der November eignet sich gut. Vor einem halben Jahr, Mitte April war die grosse Künstlerbörse der Schweizer Kleinkunstszene. Schaukasten der Eitelkeiten, Seiltanz zwischen Grosszügigkeit und Konkurrenz sowie Brutkasten des Erfolgs. Dort bewährt sich der richtige Mix des Cocktails: Talent, Können und Riecher, Hartnäckigkeit, Beziehungen und Glück. Sowie Multiplikatoren, die einen allfälligen Erfolg kommunizieren. Wollen.

Doch macht nicht erst Erfolg erst richtig erfolgreich? Bis die Gage derart unartig hoch wird, damit eine Handvoll Auftritte jährlich genügen würde? Oder reicht es, wenn die Leidenschaft zur Existenz wird? Welche Rolle spielen Fernsehen und Radio? Ist das Welt bewegend? Relevant? Kaum.

Wenn ich Erfolg höre, sehe ich eine fliegende Kuh. Das war 2010, zwischen Gastspielen in Konolfingen und Heidelberg. Beim Künstlerpech ist es der erste Auftritt an besagter Börse in Thun. 2004. Stück und Ensemble hiessen ‚Amor, Venus & Koller’. Das Künstlerdasein war eines ohne Agentur und Beziehungen, gänzlich unbekannt. Gezeigt wurden 20 Minuten. Ein begehrtes Zeitfenster. Jährlich melden sich Hunderte Ensembles und Einzelkünstlerinnen zum Familienfest der Kulturvereine an. Zum Handkuss kamen heuer rund 80. Die Mehrheit der Kleinbühnen gestaltet ihren Programmkuchen aus dem Teig, welcher ihnen da präsentiert wird. Ein Riesenglück also, dort auftreten zu können.

Pech, dass das Stück, welches im Hirn eines Mannes spielte, pantomimisch anmoderiert wurde. Um halb vor Mitternacht. „Gut gespielt, nix verstanden“, war die Rückmeldung. Ein Tausendköpfiges Unisono. Von Folgeauftritten, die Idee der Börse, keine Rede. Trotzdem spielten wir uns 50 Mal. Auch in Zürich, Bern und für das Team des Kassensturz’. Erst zuletzt Daheim in Olten. Kleiner Erfolg, grosse Genugtuung. Künstler leben auch ohne Börse. Nur ist der Weg ein anderer. Steiniger. Steil und fordernd. Das Folgestück ‚monopoly’ wurde am Telefon von Veranstaltern mit „habe euch in Thun gesehen“ abgelehnt. Scheitern kann nachhaltig Weh tun.

Sieben Jahre hiernach war uns das Börsenglück erneut hold. Dazwischen liegen einige 100 Gastspiele, aufgelöste und neue Ensembles, jährlich zwei Anmeldungen mit neuen Programmen in Thun, endlich eine Agentur und schau her: Ein Doppelgastspiel. ‚Ges(t)ammelte Werke’ und ‚ungerdüre’. Schönes Glück, grosses Echo. Dumm nur, dass die Programme schier schon ausgespielt waren.

Heuer, drei Jahre und nochmals mehrere 100 Gastspiele später, die Agentur eine neue, hatten ‚Ruedi & Heinz’ ihren Börsenauftritt. Beziehungen? Gute Frage. Die Bessere lautet: Wer hat die Besseren? Wer darf jede neue Produktion präsentieren? Wer nie? Die dumme Frage: Ist das gerecht? Bestimmen tut die Auswahlkommission. Und zuvor die Vorauswahlkommission.

Der Auftritt von ‚Ruedi & Heinz’ war ein Erfolg. Nachhaltig. Wir können bis im Herbst 2015 davon zehren. Welch ein Glück! Derweil frage ich mich, wie viel Platz haben Land und Szene für Zufälle und denke an die Kuh, welche ich auf dem Heimweg von Konolfingen fliegen sah. Ein Betrunkener fuhr sie an. Zufall. Dumm und tragisch. Für mich fest verankert mit dem Gastspiel von ‚genmobbing’ tags darauf in Heidelberg, wo das Stück für den Theaterpreis nominiert war. Ohne Beziehungen. Ohne Agentur. Ein Erfolg? Egal. Den andern Weg erkämpft und entdeckt zu haben, im Wissen selbst darauf verzichten zu können, das macht glücklich. Und frei.

Rhaban Straumann (Stohmann-Kauz)
Schauspieler und Satiriker, Olten